Tessin

Das Tessin (italienisch: Ticino) ist ein Schweizer Kanton mit einer Fläche von 2 811 km2 (entspricht 7 Prozent des schweizerischen Gesamtstaatsgebiets). Amtssprache ist hier Italienisch, daher ist die offizielle Bezeichnung „Repubblica e Cantone Ticino“. Außerhalb des Tessins ist Italienisch in der Schweiz lediglich in einigen wenigen, an Italien grenzenden Gemeinden des Kantons Graubünden Hauptsprache.

Wie eine Halbinsel ragt das Tessin südlich des Alpenkamms in die italienischen Regionen Piemont und Lombardei hinein und grenzt im  Norden (von West nach Ost) an die Kantone Wallis, Uri und Graubünden. Es ist der südlichste Kanton der Schweiz und großenteils von Gebirgslandschaften geprägt. Zahlreiche Gipfel erreichen Höhen von mehr als 3 000 Meter. Die höchsten Berge sind der Adula (Rheinwaldhorn) mit 3 402 m Höhe, der Basodino (3 272 m) und der Pizzo Medel (3 211 m). Die zwischen den Bergen liegenden Tal- und Flusslandschaften werden in zwei Teilregionen untergliedert. Zum „Sopraceneri“, dem nördlichen Tessin, gehören das Valle Leventina, das Blenio-Tal, der Distrikt Riviera, die Magadino-Ebene, das die Kantonshauptstadt Bellinzona umgebende Bellizone, das nördlich des Locarno-Sees gelegene Locarnese und das Gambarogno am linken Ufer des Lago Maggiore. Zum mit etwa 500 km2 Fläche wesentlich kleineren südlichen Tessin (‚Sottoceneri‘) werden der Lugano-Distrikt und das Mendrisiotto gezählt. Fast alle Wasserläufe, wie der durch das Leventina-Tal fließende Tessiner Hauptfluss Ticino, die Maggia oder die Verzasca, laufen dem Po zu oder münden in Seen, die landschaftlich prägende Akzente bilden. Die wichtigsten Tessiner Seen sind der 215 km2 große Lago Maggiore (Langensee), von dem allerdings lediglich 40 km2 zur Schweiz gehören, sowie der stellenweise fast 300 m tiefe und 49 km2 große Lago di Lugano (Luganer See), der zu etwa zwei Dritteln Schweizer Staatsgebiet ist. Hier liegt auch die völlig vom Tessin umschlossene italienische Exklave Campione d´Italia (2,6 km2, 2 000 Einwohner).

DasTessin blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, nicht zuletzt, weil es an wichtigen Handelswegen von Mitteleuropa zum Mittelmeer lag und liegt. Als Folge der sich über mehr als ein Jahrhundert hinziehenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Eidgenossen und den Mailänder Herzögen, zu deren Machtbereich das Tessin lange gehörte, gelangte es Anfang des 16. Jahrhunderts zum Teil in den Besitz des Kantons Uri und wurde als „Gemeine Herrschaft“ ein abhängiges Untertanen-Gebiet der Eidgenossenschaft. 1789 beziehungsweise 1802/03 („Helvetik“) wurde das Tessin zum voll berechtigten Kanton aufgewertet.

Im Zweiten Weltkrieg verfolgte der italienische Diktator Mussolini das Ziel, das Tessin Italien anzugliedern. Entsprechende militärische Angriffspläne wurden aufgestellt, sind aber nicht umgesetzt worden.

Das durch die südalpenländische Lage bestimmte mediterrane Klima des Tessins sorgt für eine spezielle Baum-Flora. So finden sich hier nicht nur ausgedehnte Esskastanien-Wälder, sondern auch zahlreiche Palmenbestände und Zitrusbäume. Durch dieses Klima und die besondere Landschaft wurde das Tessin bereits im 19. Jahrhundert ein attraktives Reiseziel. Nach und nach verlagerte sich der Schwerpunkt der ursprünglich auf karger Landwirtschaft basierenden Ökonomie des Kantons  auf den Fremdenverkehr,  insbesondere durch den Bau des Gotthard-Tunnels (1882) der das Gebiet verkehrstechnisch an die nördlich gelegene Schweiz anschloss. Freunde bodenständiger Natururlaube werden sich eher in den kleinen Bergdörfern, in denen weniger als 10 % der insgesamt 350 000 Tessiner leben, aufhalten. Zu Tourismuszentren haben sich dagegen vor allem die Städte Bellinzona, Ascona, Lugano und Locarno entwickelt. Das knapp 18 000 Einwohner zählende Bellinzona ist zudem nicht nur Kantons-Kapitale, sondern als Sitz des Bundesstrafgerichts auch von Bedeutung für die gesamte Schweiz. Bellinzonas berühmter alljährlicher Karneval („Rabadan“) mit seinen Guggenmusik-Kapellen zieht regelmäßig zehntausende Schaulustige an. Ebenfalls bemerkenswert ist das all sommerlich veranstaltete „Piazza Blues Festival“.

Das Stadtbild von Bellinzona ist von seinen mittelalterlichen Bauensembles (UNESCO-Weltkulturerbe) bestimmt. Neben der imponierenden Wehrmauer („Murata“) zählen dazu das auf einem Felsplateau über der Stadt aufragende massive Castelgrande und weitere Befestigungsanlagen.

Am Nordufer des Lago Maggiore, am Fuße des Monte Verità mit seiner Künstlerkolonie, zieht sich das Kurstädtchen Ascona (5 000 Einwohner) entlang, die am tiefsten gelegene Gemeinde der Schweiz. Ein Kuriosum von Ascona ist sein Minigolf-Platz: Hier wurde  1954 die welterste Minigolf-Anlage eröffnet. Auch in Ascona findet alljährlich mit dem „JazzAscona“ ein wichtiges Musikereignis statt. Unweit von Ascona liegt die 15 000-Einwohner-Stadt Locarno, einer der wärmsten Orte der Schweiz. Geschichtsinteressierte verbinden mit dem Namen der Stadt besonders die hier geschlossenen völkerrechtlichen Vereinbarungen, die „Verträge von Locarno“ von 1925. Diese ermöglichten Deutschland u. a. die Aufnahme in den Völkerbund.

Besonders sehenswert sind in Locarno die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso (15. Jahrhundert) und das Castello Visconteo. Der pittoreske zentrale Platz in der Altstadt, die Piazza Grande, ist seit 1946 stets im August Schauplatz und Bühne des renommierten „Internationalen Filmfestivals von Locarno“. Die mit 60 000 Einwohnern mit Abstand größte Stadt des Kantons ist Lugano, drittgrößter Finanzplatz des Landes. Sie erstreckt sich über 75 km² und ist von drei Bergen umgeben: Dem teilweise auf italienischem Gebiet liegenden Sighignola (1302 m), dem Monte San Salvatore (912 m) und dem Monte Brè (925 m). In der mediterran wirkenden Stadt mit dem sehenswerten Park „Parco civico“, den Arkaden, Palazzi und Villen finden sich sowohl ein Spielcasino als auch Hochschuleinrichtungen wie die „Università della Svizzera italiana“ mit 3 000 Studierenden oder die Privatuniversität „Franklin College“. Das in Lugano seit 1979 im Frühsommer gefeierte „Estival Jazz“ zählt zu den wichtigsten Festivals der europäischen Jazz-Szene.